Rheuma-Liga Berlin

Seid mutig, „Rheumis“ in Berlin!

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Seid mutig, „Rheumis“ in Berlin!

Nach 23 Jahren löst sich die Rheuma-Liga-Theatergruppe „Die RheuMutigen“ auf

„Rheumis seid mutig, Rheumis seid stark – kämpft immer weiter, gebt niemals auf!“ – so lautete der Refrain des Liedes „Unsere Devise“ … und das war unsere Devise über zwanzig Jahre lang.

Wir – das waren „Die RheuMutigen“ – eine Theatergruppe der Deutschen Rheuma-Liga Berlin.

Unser Anliegen

Als unsere Gruppe im Februar 1995 gegründet wurde, war es unser Hauptanliegen, mit den Möglichkeiten des darstellenden Spiels verschiedene Alltagssituationen im Leben der Rheumatiker zu veranschaulichen: ihre Freuden und Leiden, ihre Gefühls- und Gedankenwelt wie auch ihre strebsame Suche nach Lösungen aus den physischen, psychischen und sozialen Problemen.

Dieses Hauptanliegen immer im Blick versuchten wir, mit den Möglichkeiten des darstellenden Spiels, uns selbst und anderen Betroffenen, immer wieder frohen Mut zuzusprechen, einander mitzureißen, neue Lösungswege zu suchen und zu finden. Wir wollten nicht nur an die Krankheit denken – wir mochten fröhlich sein, lachen und uns miteinander freuen – Kraft tanken und Mut spenden. Wir wollten mit den Mitteln des Theaterspiels darstellen, was uns bewegt und am Herzen liegt.  Unser Ziel war es auch, Verwandten, Bekannten und Interessierten mit unserem Spiel sowohl zu zeigen, welche Lebensfreude in uns steckt, als auch manchmal zu verdeutlichen, was sich im Alltag nur schwer oder gar nicht sagen lässt. Es wäre auch schön, wenn es uns gelungen wäre, mehr Toleranz, Verständnis und Sensibilität bei Nichtbetroffenen zu erreichen.

Die Gruppe

Bei uns RheuMutigen – einer 23 Jahre bestehenden Theatergruppe – waren die Übergänge zwischen einer Selbsthilfe-Gruppe und einer künstlerisch kreativen Gruppe fließend. Jetzt sind wir noch fünf Rentner im Alter zwischen 57 und 80 Jahren. Wir haben unterschiedliche Krankheiten des rheumatischen Formenkreises. Jeder fühlte sich für die Gruppe verantwortlich. Alle Mitglieder waren gleichberechtigt und versuchten, sich gegenseitig zu unterstützen und beizustehen.

Die Treffen

Zu den Brettern, die unsere Theaterwelt bedeuteten, wurde viele Jahre (1997-2007?) fast jeden Dienstagnachmittag der Gruppenraum in der Beratungsstelle Berlin-Mitte. Der Weg war weit und beschwerlich  – aber die Mühe lohnte sich. Das ca. 30 m2 große Domizil wurde zur Bühne, zum Zuschauerraum, zur Garderobe, zur Theaterwerkstatt – Nähstube, Bastelraum, Atelier und zum Theaterlokal. Die Pfosten, die wir aufschlugen waren Stative die wir mit selbst genähten und bemalten Vorhängen ausstaffieren. Dazu kam die Ausstattung mit zahlreichen – ebenfalls selbst gefertigten – Requisiten. In Zeiten, in denen es uns nicht so gut ging – die in den letzten zehn Jahren leider immer häufiger wurden – trafen wir uns montags bei Frau Louis. Dann wurde ihr Wohnzimmer zur Oase des Redens, Phantasierens, Lesens, Singens, Werkelns und Probens.

Die meisten Zusammenkünfte dienten selbst einer Vielfalt der Ziele: Neben einem vertrauten Beisammensein in freundschaftlicher Atmosphäre mit Essen – oft mit selbst Gebackenem – Kaffee trinken und Gesprächen über das gegenwärtige Befinden und die aktuellen Probleme, sowie der Diskussion über unsere Projekte, dienten sie vor allem der Probenarbeit. Einige wenige Treffen wurden durch Vorstellungen und kleine Feste erfüllt.

Die Probenphase war sehr anstrengend und forderte von jedem großes Engagement, die stete Mobilisierung seines ganzen Willens und seiner Kräfte. Aber die Proben waren es auch, die uns in die faszinierende Welt des Theaters führten: die Welt des darstellenden Spiels, des inhaltsreichen und ausdrucksstarken Sprechens, des Gesangs…  Diese Welt bot ganz besondere Möglichkeiten und Formen des Ausdrucks in einer außergewöhnlichen Atmosphäre.

Komisches und Trauriges, Lachen und Weinen lagen oft eng beieinander.

Es war sehr schön zu erleben, wie wir uns gegenseitig mitreißen konnten, und wie sich im Verlauf der Jahre ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt hat. Obwohl die Proben kräftezehrend waren, fühlten wir uns danach oft zufriedener, besser und konnten die Sorgen kurzzeitig vergessen.

Unsere Arbeitsweise

Wir erarbeiteten unsere Stücke und Programme selbst. Dabei fragten wir: Was bewegt und gefällt uns und unserem Publikum? Begonnen haben wir mit stummem Spiel zu Musik vom Band. Dann kamen Texte und Lieder dazu – dramatische Szenen entwickelten sich. Seit 1997 wurden eigene Texte mit Zitaten aus der klassischen und populären dramatischen Literatur, Lyrik und Variationen der vielfältigen musikalischen Traditionen: in- und ausländischen Volksliedern und vor allem Berliner Couplets, Operetten und Schlagern des 19. und 20. Jahrhunderts – vervollkommnet.

Jedes Gruppenmitglied konnte sich in der Phase der Erarbeitung eines neuen Stückes, in den Gesprächsrunden, bei den Improvisationen, während der Lesungen sowie bei den Proben auf seine eigene Art mit seinen Vorstellungen und Ansichten einbringen. Wir versuchten immer, uns gemeinsam, wahrhaft demokratisch (so schwer das auch immer war), zu einigen.

Wir fertigten unsere Ausstattung (Bühnenbild, Kostüme) und die Requisiten ebenso selbst wie die Programme und Plakate.

In unseren Stücken und Programmen verbanden wir also Reales und Erfundenes, Wirkliches und Märchenhaftes, Klassisches und Modernes, Berlinisches und RheuMutiges miteinander.

Unsere Stücke

In der langen Zeit unseres Bestehens haben wir fast jährlich ein selbst verfasstes Stück oder selbst erarbeitetes Programm einstudiert.

Die Stücke waren in den Anfangsjahren überwiegend eine Widerspiegelung unserer eigenen Situation und Erfahrungen – die Darstellung des Lebens mit der Krankheit Rheuma.

Nach den ersten Stücken erkannten wir, dass es fast immer die gleichen Themenkomplexe sind, die uns beschäftigen. Krankheit: Schmerzen, Traurigkeit, Einsamkeit, Öffentlichkeit, Politik (z. B. die Gesundheitsreformen), Bürokratie, Barrieren … Das wurde mit der Zeit sehr ähnlich, traurig und trotz vieler Mut machender Passagen – manchmal zu deprimierend.

Die Stücke sollten aber immer mehr fröhlich, lustig, witzig und komisch wirken. Zum Lachen sein, auch wenn einem manchmal eigentlich zum Weinen ist. Den Traurigen wollen wir helfen, mit froher Zuversicht, neue Wege zu gehen. Deshalb widmeten wir uns in vielen Jahren allgemein interessierenden Themen: Liebe, Kur, Diäten-Wahn, Berliner Leben, aktuellen gesellschaftlichen Ereignissen wie der Fußball-WM … oder einfach dem jährlich wiederkehrende Frühling … oder der Adventszeit und dem Weihnachtsfest. Die Krankheit wurde in diese allgemeinen Themen eingebunden, in die Handlung integriert und mit ihr direkt verflochten.

Auch die Möglichkeiten der Selbsthilfe und das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten haben immer eine wichtige Rolle eingenommen.

Die Vorstellungen

Ganz besondere Höhepunkte im Leben unserer Gruppe waren die Tage der Vorstellungen. Das Spiel vor den Zuschauern war sehr aufregend, doch wenn alles gelungen war, konnten wir den schönsten Lohn für unsere Mühen erleben – die aktiven Reaktionen, einstimmendes

Mitsingen und vor allem den Applaus des Publikums. Von 1995 bis 2011 traten wir fast jedes Jahr mit einer neuen Premiere zum Abschluss der Bucher Rheuma-Tage auf. Unsere Stücke waren:

1995    „Der schwarze und der bunte Tag“                           (4. Bucher Rheuma-Tage)  –         4. BRT

16.06.1996      „Hans im Glück oder von einem der auszog, das Gruseln zu (ver-) lernen“  5. BRT

01.06.1997      „Unsere Balance“                                                                                                    6. BRT

07.06.1998      „Macht, Moneten und Miseren“                                                                          7. BRT

06.06.1999      „… dass uns der Liebe Schwingen tragen“                                                        8. BRT

18.06.2000      „Revue im Lila Bären“                                                                                          9. BRT

24.06.2001    „Morgens Fango – abends Tango“                                                                    10. BRT

09.06.2002      „Icke, dette, kiecke mal“                                                                                    11. BRT

25.05.2003      „Ach, dass es doch wie damals wär“                                                             12. BRT

06.06.2004      „Dünn und Dick – Diäten-Schick“                                                                  13. BRT

22.05.2005      „Allerlei RheuMutiges“                                                                                    14. BRT

03.06.2007      „Berlin – wie es lacht und singt“                                                                    16. BRT

25.05.2008      „Hurra, hurra – der Lenz ist da“                                                                    17. BRT

09.10.2010      „Allerlei RheuMutiges II“                                (40 Jahre Deutsche Rheuma-Liga in Kassel)

22.05.2011      „Kaleidoskop der RheuMutigen“                                                                  20. BRT

12.10.2011      „Nie den frohen Mut verlieren, im Auf und Ab zu balancieren“

( I. und II. Teil zum  Welt-Rheuma-Tag 2011 „Aktiv gegen Rheuma-Schmerz“.

20.06.2012      „Nie den frohen Mut verlieren, im Auf und Ab zu balancieren“

(III. Teil zum Patienten-Informationstag „Rheumatoide Arthritis“ am 20.06.2012 in der Rheuma-Klinik Berlin-Buch)

Ein 2013 vorbereitetes Sommer-Programm „Geh aus mein Herz und suche Freud“ konnte, ebenso ein Weihnachtsprogramm, nicht aufgeführt werden. Ein weiteres Berlin-Stück „Berlin – kleen und jroß“ 2009 und ein Stück zur Besonderheit des Theaterspiels „Nun könn’ se uns jenießen“ 2014/15 konnte nicht vollendet werden.

Das Theaterspiel und seine Möglichkeiten

Das Theaterspiel war für uns – die RheuMutigen – die schönste, weil vielfältigste Form  künstlerisch schöpferischer  Betätigung.

Das dem Theater eigene Ensemble der Künste und Therapien bot uns Akteuren ganz besonders mannigfache Möglichkeiten des Aktivseins, des Ausdrucks, der Kreativität und der Kommunikation in einer Gruppe, in einem Ensemble.

Das darstellende Spiel vereinigt verschiedene Kunstgenres, zahlreiche therapeutische Aktivitäten und kreative Tätigkeiten  wie  Spielen, Sprechen, Singen, Schreiben, Tanzen, gymnastisches Bewegen, Basteln, plastisches Gestalten, Malen und anderes.

Das Theaterspielen – bietet die Chance des Erhalts, der Förderung und der Wiedererlangung der Selbstachtung, der Kommunikationsfähigkeit und des Selbstwertgefühls. Das darstellende Spiel bietet Möglichkeiten zur Bewältigung der Schmerzen, der physischen, psychischen und sozialen Probleme und Konflikte.

Unsere Theater-Gruppe ist im Verlauf der Jahre ein wichtiger Teil in unserem Leben geworden.

Die Erarbeitung neuer Programme und Stücke, die Einstudierung, die Fertigung der Ausstattung – Kostüme und Requisiten, die regelmäßigen Proben, das darstellende Spiel, stellten immer sehr hohe Anforderungen an den jeden Einzelnen. Immer wieder gingen wir bis an die Grenzen unserer physischen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Nun sind sie leider erschöpft …

Wir liebten unsere kleine rheumutige Theaterwelt sehr. Ein ganz Großes Dankeschön der Deutschen Rheuma-Liga Berlin, dass sie uns das ermöglicht hat.

Im Namen der RheuMutigen

Petra Louis

„Rheumis seid mutig, Rheumis seid stark – kämpft immer weiter, gebt niemals auf!“